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15. Mai 2005, 17:35 Uhr, Hannes

Winterlied

Jupien.
Das also
fällt in Flocken dick vom Himmel.
Ein unbestimmter
Franzose, weich und schön.
Der Name drängt sich in mein Ohr,
sich langsam bis ins Auge windend.
Rein und duftend, Zimt und Nelken.
Wie er sinkt. Mit jedem Stück
zergeht er mehr, und aus dem Trugbild,
dessen Schmied
ich selber bin, wird Wasser, wird Eis.
Klar und glänzend.
Jupien.

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27. November 2004, 14:55 Uhr, Hannes

Dolce far niente

Als ich aus der Disco trat,
da war es heller Tag.
Ich wollte schon zur Arbeit gehn,
da fiel mir ein,
dass ich keine hab.

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23. November 2004, 13:15 Uhr, Hannes

...

Auf dem Klo schaue ich in den Spiegel. Ich denke, dass ich eigentlich gar nicht schlecht aussehe, und während ich das denke, überlege ich, wie lange es wohl dauern würde, auszusprechen, was ich denke, denn man denkt ja viel schneller, als man sprechen kann. Auf jeden Fall wippt mein
Oberkörper irgendwie unkontrolliert von vorne nach hinten.

Ich steige die Treppen hoch zu den anderen, die sind immer noch beim gleichen Thema, dabei muss ich doch eine Ewigkeit weg gewesen sein. Ich gebe ein Zeichen, und wir gehen zu dritt vor die Tür.

Auf dem Klo habe ich schon vorgedreht, ich mag das nämlich nicht, wenn mir einer dabei zusieht, das macht mich ganz nervös. Wir lehnen uns an zwei Autos, wo schon welche stehen und lassen sie kreisen.

Aus der Nähe ein dumpfer Schlag. Der neben mir ist am Auto entlang auf den Boden gerutscht. Er schläft, ich höre sein regelmäßiges Atmen.

Ihr seid meine wahren Freunde, sagt einer, den ich nicht kenne.

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15. November 2004, 00:14 Uhr, Hannes

Das Schaf (JK 8)

Und alles nur wegen seiner speck-fleckigen Lederjacke. Ob ihn jemand kennte, wollte ich wissen. Ja, na klar, man kennt sich hier. Auch die Mailadresse war schnell herausgefunden.

»Hallo Schaf«, schrieb ich. »Ich beobachte dich. Ich weiß genau, wann du dein Mittagessen einnimmst und was es ist.« Zugegeben, das war nicht nur dreist, sondern auch ganz schön einschüchternd. Wenn es jemanden gibt, den du nicht kennst, der aber bis ins Detail weiß (oder so tut), was du den Tag über machst. Vielleicht beobachtet er dich auch nachts.

Normalerweise taugt ein solcher Grund recht wenig zum Vertrauensaufbau. Nicht so bei Schafen. Vielleicht sind Schafe ein bisschen so wie Goldfische. Denken, ihre Welt ist riesengroß, weil sie, wenn sie sich auf dem Rückweg von einer Wand zur anderen sind, sich nicht mehr an den Hinweg erinnern.

Eines Tages sagte ich: »Hallo, du bist schwul, und ich bin der große Unbekannte.«

Er grinste dämlich. Hatte er wohl nicht erwartet, so viel Zutreffendes auf einmal.

»Aber ich will doch eine Frau und Kinder.« sagte er schließlich.

Ich nahm ihn mit auf einen Spielplatz. Da wippten wir ein bisschen. Ich musste ziemlich weit in die Mitte rücken. Dann sprang ich jäh ab. Das war ein Zeichen. Ein Zeichen ist nämlich ein störendes Element im flüssigen Vollzug.

Man muss den Dingen Tiefe geben, das gilt nicht nur für das kreative Schaffen.

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06. Oktober 2004, 20:40 Uhr, Hannes

Zypressen

Den Himmel verhängen Zypressen. Darunter die Bank, auf die sich zwei Gestalten strecken. Ich gehe, murmelt der Eine. Blüten bedecken den dampfenden Boden. Ich stehe, sagt die Andere, auf der Lehne dieser Bank, wie Duftbäume in Autos baumeln. Der Eine setzt sich auf den Boden und schließt die Augen. Was meinst du, träumen wir unser Leben?
Das leise Bibbern geschorener Schafe. Vernünftig, sagt der Eine, wäre, wenn ich jetzt ginge. Die Andere summt: Es war ein König in Thule, Holzpüppchen dreh’ dich. Die Welt ist es, die sich dreht!, bricht es aus dem Einen, die Welt. Und wir können sie nicht aufhalten. Darum gehe ich.
Sehe ich jemanden, der meine Hand umfasst, fragt die Eine. Die Glocken schlagen einmal mehr. Eine kleine Hand pflückt Pusteblumen. Rollen Steine, ohne angeschubst zu werden, fragt die Eine.
Ich gehe, ich gehe schon, entgegnet der Andere, ich gehe und du bleibst. So werden wir es halten. Ich gebe nach und du behältst Recht.
Irgendwann schläft der Eine ein. Das Haar der Anderen zerzaust der warme Abendwind. Wie ein Duftbaum hängt sie in den Zypressen.

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31. August 2004, 21:14 Uhr, Hannes

Schwarzes Loch

Ich hab mich verirrt
im Dickicht der Dunkelheit,
zu einer Zeit, die keine war.

Als Zweifel und Regen sich
irgendwie vermischten.

Als Hoffnung heilbar galt:

Hinterher is immer besser.
Hinterher is immer besser.
Hinterher is immer besser.

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05. Juli 2004, 12:05 Uhr, Hannes

Treffen mit Leander T.

Ich lernte Leander T. nicht kennen.

Wir trafen uns in der U-Bahn-Station, nachdem wir seit Monaten jeden Mittwoch im gleichen Club verbracht hatten. Ich sah ihn durch diesen Glaskasten hindurch, in dem früher wohl die U-Bahnhofvorsteher saßen und ihre Durchsagen machten. Er schaute sich die am Kiosk ausliegenden Zeitschriften an.

Ohne Probleme hätte ich, wäre ich zu diesem Zeitpunkt in die einfahrende U-Bahn gestiegen, mein damaliges mittelmäßiges und eher ereignisloses Leben weiterführen können. Doch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn einmal von Nahem im unbarmherzigen Neonlicht zu sehen.

Bisher kannte ich ihn ja nur von besagtem Club. Dort herrschte schummriges, makelkaschierendes Licht, von dem ich im Nachhinein sogar glaube, dass es leicht rötlich war.
Ich ging also in seine Richtung, langsam, schlendernd, mein Herz raste. Ich wollte so nahe an ihn herankommen, um ihn riechen zu können.

Als ich eine Weile gedankenverloren hinter im gestanden war, drehte er sich um. Ich sah den kleinen Leberfleck an der linken Seite seines Kinns. Er schaute in meine Augen.
Er umrundete mich wortlos. Ich blieb stehen, suchte nach Ausflüchten für die bevorstehende Verbalkonfrontation. Er lächelte und ging in Richtung Ausgang.

Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm folgen sollte. Hatte ich mich nicht lächerlich genug gemacht?
Er blieb stehen und blickte zurück.

Ich rannte los, nahm den anderen Ausgang und schnappte nach Frischluft. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand Leander T. und winkte mir zu.
Ich überquerte die Straße.

Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her und als wir an eine Brücke kamen, blickten wir gemeinsam ins Wasser.
„Da, wo ich geboren bin, gibt es auch einen Fluss.“ sagte er. „Als Kind konnte ich stundenlang ins Wasser schauen und meinen Gedanken nachhängen.“

Seine Augen glitzerten.

Es fuhren ununterbrochen Autos an uns vorbei, doch ich hörte nichts außer dem Rauschen des Flusses.
„Das ist wie mit den Muscheln“, sagte ich, „die man sich ans Ohr hält, und man hört nur ein Rauschen. Man glaubt, das sei das Meer.“

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